Gentile_da_Fabriano_Aquin3.3. Wozu gibt es Dogmen und ein kirchliches Lehramt?

Auch wenn das Wort Gottes in den Texten der Bibel in unverfälschter Weise vorliegt, ist es uns Menschen nicht möglich, darüber in objektiver Weise zu verfügen. Jedes Lesen, noch mehr jedes Zitieren, ist immer auch ein Interpretieren, welches durch die persönliche Prägung sowie die Folgen der Erbsünde korumpiert ist. Um zu sehen, wie weit die unterschiedlichen Interpretationen der Hl. Schrift auseinandergehen, reicht ein kurzer Blick über die christlichen Konfessionen oder in die Kirchengeschichte leicht aus.

Die Methode, eigene Äußerungen möglichst umfassend mit wörtlichen Bibelzitaten zu versehen oder gar ganz in biblischen Idiomen zu sprechen, führt aus diesem Problem nicht heraus. Im Gegenteil verleiht dies der eigenen Ansicht scheinbar göttliche Autorität, denn die subjektive Auswahl und Zusammensetzung dominiert auch hier den Originaltext, da der inhaltlich nach belieben kombiniert werden kann. Durch das Gefühl mit Gottes Wort argumentieren zu können, nach eingehendem Bibelstudium quasi darüber verfügen zu können, ist eine enorme Versuchung der Todsünde des Hochmutes zu erliegen.

Den Ausweg aus dieser Problematik zeigt die Bibel selbst auf: Indem man das Neue Testament als Interpretation des Alten Testamentes begreift, kann man lernen, wie schon innerbiblisch auf andere Bibeltexte referiert wird. Ebenso sind auch die Apostelbriefe des Neuen Testamentes Interpretationen der Evangelien und genau auf diese Weise haben die Kirchenväter auf das Neue Testament insgesamt Bezug genommen.

Das kirchliche Lehramt steht in dieser Tradition. Auf den Heiligen Geist, den Christus als Beistand versprochen hat (Joh.20,21-23) vertrauend, legt es im Bewusstsein der bisher aufgetretenen Interpretationsmöglichkeiten und deren geschichtlichen Folgen die Heilige Schrift für die Gläubigen aller Sprachen und Epochen immer wieder aufs Neue aus. Ergebnisse dieser Arbeit liegen unter anderem als Katechismen vor.

Vor allem in Streitfragen und bei mißverständlichen Interpretationsmöglichkeiten sieht das Lehramt zudem eine Möglichkeit der Schlichtung durch die Entscheidung von Sachfragen vor. Je nach Relevanz kann das ein einfacher Hinweis, eine päpstliche Verlautbarung, ein Konzilsbeschluss oder gar ein Dogma sein, welches dann zukünftig als Grundsatzentscheidung für eine intellektuelle Vertiefung des Themas dient.