1.4. Warum hat Gott die Welt erschaffen?
"Vor" der Schöpfung gab es allein Gott. Ihm fehlte nichts, außer ihm gab es nichts, und somit war sein Wesen ein Unendliches - grenzenlos, ohne Zeit und Veränderung. Dieser "Vollständigkeit", dem "Alles-bei-sich-sein" haftet keinerlei Mangel an und so kann Gott auch als das Gute oder das Wahre bezeichnet werden.
Anders ausgedrückt nennen wir Gott auch die Liebe, denn sie ist das Beste zu dem wir Menschen fähig sind, und wo Wahrheit mit dem Schönen und Guten in unbeschränkter Weise zusammentrifft, können wir mit Recht das Vorbild für unsere eigenen höchsten Gefühle erkennen. Wenn sich nun in der gesamten Schöpfung die Handschrift Gottes findet und wir sogar nach seinem Bild geschaffen sind, können wir, ausgehend von unserer Fähigkeit zu lieben, eine wage Vorstellung davon erhalten, was göttliche Liebe bedeutet.
Schon im Menschen ist die Liebe überschwänglich. Sie verströmt sich in überquellender Weise und macht frei von persönlichen Bedürfnissen. Man kann sich vorstellen, dass die Liebe Gottes noch sehr viel hingebungsvoller ist, wenn man berücksichtigt, dass er die Liebe selber ist. Wenn man versucht, sich mit diesem Gedanken vertraut zu machen, wird es immer plausibler, gerade im Verströmen der göttlichen Liebe den Quell des Schöpfungsaktes zu sehen.
Von einem unendlichen Gott ist nicht vorstellbar, dass er die Welt erschaffen hat, um nicht alleine zu sein, denn dann wäre er nicht vollkommen — seine Liebe entstünde aus einem Mangel heraus. Allein aus Freude, aus einem Überschwang an unermesslicher Hingabe ist göttliches Schaffen denkbar, ohne seine Allmacht einzuschränken, und nur so ist zu erklären, dass er uns als liebesfähige Wesen geschaffen hat, frei seine Liebe zu erwiedern oder nicht.
Schwer lässt sich in dieser Weise die pantheistische Ansicht erklären, Gott könne sich seiner selbst entfremden und sich in Teilen temporär gegenüber stehen, denn wie geht das mit seiner Allmächtigkeit einher? Echte Liebe muss auf Wahrheit gegründet sein, sie kann sich nicht selbst betrügen und sie ist in freier, aufrichtiger Weise auf das Geliebte gerichtet. Wären Menschen in ihrer Liebe nicht frei, könnten sie sich nicht für oder gegen Gott entscheiden, würden sie über Kurz oder Lang durch welche Tricks auch immer zur Liebe und somit zur Einheit mit Gott gelangen „müssen” (da sie nur ein Teil von ihm sind), dann wäre das ganze menschliche Dasein nur noch als eine Art grausames und sinnloses Spiel anzusehen.
Ein liebender Gott der ohne Zwang und nicht aus Mangel, rein aus überquellender Liebe erschafft, wird freie Wesen schaffen, die in ihrern Anlagen den Funken göttlicher Liebe in sich tragen.
