2.6. Was ist mit Mythos und Logos gemeint?

Wer sich mit dem Christentum ein wenig beschäftig hat, ist sicher schon einmal auf die Bezeichnung "Logos" für Christus gestoßen. Während man mit dem Begriff des "Mythos" schon eher etwas anfangen kann — er wird im Zusammenhang mit Erzählungen wie der Schöpfungsgeschichte oder allgemein mit religiös überlieferten Schriften häufiger erwähnt — ist die Bedeutung des Logos heute auch vielen Christen nicht mehr vertraut; und wie eng diese beiden Begriffe zusammengehören, noch weniger.

Der Mythos
Wie auch "Logos" stammt das Wort "Mythos" aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Wort”. Genauer gemeint ist das Wort Gottes, welches uns in der Stille der Natur begegnen kann. Ein Mythos ist demnach eine Erzählung, in der das Wort der Schöpfung nachklingt.

Wenn wir die Welt in der wir leben als von Gott geschaffen betrachten, können wir davon ausgehen, dass dieser seine Spuren in ihr hinterlassen hat, ähnlich wie man beim Anblick eines Kunstwerkes den Pinselstrich, die Federführung und viele weitere Elemente finden kann, die auf den Künstler deuten.

Nach christlicher Überzeugung jedoch ist die Welt so wie sie geschaffen war durch die Sünde korrumpiert — sie ist gefallen, so dass der klare Blick auf den Schöpfer verstellt, jedoch nicht völlig verhindert ist. In vielen Zeugnissen haben Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen auf diesen Nachhall der Schöpfung gelauscht, sie haben versucht das Wort Gottes, den Mythos, zu entschlüsseln und sind auf diese Weise mehr oder weniger tiefen Erkenntnissen gelangt, die sie im Laufe der Generationen verfeinert und präzisiert haben. Aus diesem Grund liegen uns heute eine ganze Reihe von mythologischen Überlieferungen der unterschiedlichen Völker vor.

Eine der vielfältigsten und weitreichendsten Sammlungen derartiger Zeugnisse findet sich im Alten Testament, der Heiligen Schrift von Juden und Christen. Der dort beschriebene „Alte Bund” zeugt von einer engen Beziehung des Gottes der Israeliten zu seinem Volk, das in einmaliger Weise in der Lage war, Gottes Wort, den Mythos zu begreifen und so den „Neuen Bund”, in dem sich Gott als Logos offenbart hat, vorzubereiten.

Der Logos
Der Logos kam als Jesus von Narareth in die Welt, wie es bei Johannes heisst: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt”. (Joh 1, 14)

Auch „Logos” ist eine griechische Bezeichnung für "Wort", mutet aber moderner an und wird noch heute als Bezeichnung für wissenschaftliche Begriffe benutzt, wenn wir von einer "-logie" reden: Theo-logie, Bio-logie, Psycho-logie ...

Während Mythos eher die Erzählung charakterisiert, bezieht sich Logos auf das Erzählte, die Rede, den Sinn der Rede oder die Vernunft. Christus als Logos ist direkter erfahrbar als ein Mythos. Durch die Fleischwerdung Gottes ist das Wort historisch greifbar geworden — vom Echo des Wortes der Schöpfung durch die Zeit hindurch zu einem Menschen aus Fleisch und Blut.

Diese Selbstoffenbarung Gottes erlaubt eine völlig neue Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Schöpfer. Christus als Logos ist bis heute im Sakrament sinnlich erfahrbar und persönlich begreifbar, so dass wir in der Lage sind den wahren Weg der Liebe in unverstellter Weise zu erkennen und gemeinsam mit Christus zu gehen.