1.2. Welche grundsätzlichen Auffassungen des Gottesbegriffes gibt es?
Christen, ebenso wie Juden und Muslime, bezeichnen ihren Gott als „monotheistischen Gott“. Im Wesentlichen grenzen sie so ihre Gottesvorstellung von zwei alternativen Auffassungen des Göttlichen ab: dem Polytheismus und Pantheismus sowie implizit dem Atheismus.
All diese Positionen drücken eine Vorstellung über die Welt aus in der wir leben, insbesondere über deren Ursprung und den Daseinsgrund. Die folgende Gliederung soll dazu einen kurzen Überblick geben, sie ist weder vollständig noch stellt sie den einzig möglichen Ansatz dar: in Hinsicht auf praktische Konsequenzen der Weltbilder hat sie sich aber als sinnvoll erwiesen.
1.2.1. Atheismus
Der Atheismus vertritt die Ansicht, die Welt genüge sich selbst. Ein ihr vor- oder übergeordnetes Wesen wird nicht als existent angesehen. Eng verwandt mit dieser Ansicht ist die Auffassung, es gäbe zwar einen Gott, der sei allerdings von der Welt absolut getrennt, so dass er keinerlei Einfluss auf sie habe (Deismus). Auch kann man die Enthaltung über eine Aussage zur Existenz Gottes (Agnostizismus) strukturell zum Atheismus zählen, da hier nichts zwingend auf einen Gott verweist und Erklärungsmodelle ohne Gott den Agnostiker völlig ausreichend überzeugen.
Atheistische Positionen sehen die Welt meist als komplexe Systematik, die entweder schon immer (z.B. in einem Kreislauf) existiert, aufgrund von Zufall entstanden ist, oder aber durch eine Gesetzmäßigkeit angestoßen wurde und innerhalb deren Regeln (z.B. Naturgesetzen) abläuft.
Gott wird oft als Hypothese angesehen, die nicht auf Erfahrung sondern als Ersatz für wissenschaftliche Erkenntnis herangezogen wird. So würden (aufgrund mangelnden Fortschrittes) noch nicht erklärte Naturphänomene einem Gott zugeschrieben, oder der Mensch erfinde sich Gottheiten aus psychologischen Gründen, beispielsweise zum Trost oder als Schutz. Eine Realität außerhalb der Vorstellungswelt des Menschen kommt ihm nach dieser Vorstellung nicht zu.
1.2.2. Pantheismus
Als Pantheismus bezeichnet man die Vorstellung, alles Erfahrbare (Geist, Mensch, Tier, Pflanze, die gesamte Materie) sei Gott. Dabei kann Gott als allgemeines Prinzip, als eine unbewusste, alles zusammenfassende Einheit oder aber auch personal gedacht werden.
Die Welt aus Materie mitsamt ihren Ausprägungen gilt meist als vorübergehend, da die Einheit Gottes in ihr gleichsam zerrissen ist. Als Ursache hierfür gibt es viele unterschiedliche Ansätze, wobei die entstandene Trennung meistens als zu überwindender Mangel angesehen wird. Ziel vieler pantheistischer Ansätze ist es darum, die verlorene Einheit zurückzuerlangen, beispielsweise durch Verzicht auf alles Individuelle.
Die pantheistische Gottheit ist von der Symbolik her weiblich, da sie die Welt sozusagen aus sich heraus gebiert; alles was ist, ist im leiblichen Sinne Teil Gottes, wie die Mutter das Kind zuerst als Teil ihrer Selbst wahrnimmt. In einigen Vorstellungen ist die pantheistische Gottheit darum als Urmutter benannt: sie ist fruchtbare Spenderin allen Lebens, wird es jedoch am Ende der Tage auch wieder (in sich auf)nehmen.
1.2.3. Polytheismus
Als Polytheismus werden religiöse Vorstellungen angesehen, in denen eine ganze Reihe Götter interagieren. Besonders bekannt sind indoeuropäische Vorstellungen wie die der Griechen und Römer, oder hierzulande auch der Germanen und Kelten. Derartige Götterwelten sind aber auch aus anderen Kontinenten bekannt.
Häufig repräsentieren einzelne Götter bestimmte Erfahrungen wie Krieg, Kunst, Fruchtbarkeit oder Heilung, bei deren Auftreten Menschen das Wirken übernatürlicher Mächte empfinden. Durch die Benennung als Gottheit erscheint das entsprechende Ereingis nicht mehr willkürlich sondern kann personal angesprochen und damit im Alltag besser eingeordnet werden.
Auch wenn man heute viele Ereignisse naturwissenschaftlich erklären kann, ist damit nicht gesagt, dass hinter dem Erlebten nicht auch weitere Kräfte stehen, denen der Polytheismus Ausdruck verleiht. Beispielhaft sei hier der „panische Schrecken“ genannt, der wohl nachempfunden, aber nicht restlos physikalisch begriffen werden kann.
1.2.4. Monotheismus
Gilt das Verhältnis von Gott und Welt im Atheismus als äquivok (unvereinbar), und im Pantheismus als univok (identisch), so hat sich im Monotheismus die Beschreibung als analog herausgebildet: Gott ist nicht mit der Welt identisch, er ist allerdings auch nicht absolut von ihr getrennt.
Als Bild für diese Beziehung wird oft ein Künstler genannt, dessen Werk die Spuren seiner Herkunft nicht verleugnen kann, da seine Handschrift in jedem Pinselstrich deutlich zu sehen ist. Das Werk Gottes, die Schöpfung, verweist in eben dieser Weise auf den Schöpfer; man findet seine Gegenwart in allem, wenn auch nicht in Form der Identität.
Lässt sich im Pantheismus eine feminine Symbolik erkennen, so ist sie im Monotheismus maskulin: als Bild des Schöpfergottes, der die Welt kreiert; nicht aus sich selbst, aber auch nicht aus vorhandenem Material sondern aus dem Nichts. (Creatio ex nihilo.)

