2.3. Was versteht man unter Sünde

Sünde bezeichnet eine Handlung, durch die man sich von Gott entfernt. Allgemein kann man auch von einer Lieblosigkeit sprechen, da Gott die Liebe ist (auch im Sinne eines Synonyms). Indem man sündigt, wendet man sich ab von Gott, den eigenen Wünschen und Begierden zu. Da dies in unterschiedlicher Intensität geschehen kann, sind auch die Folgen nicht immer identisch. In der Regel sind Situationen auch dermaßen komplex, dass man sie von außen nicht beurteilen kann — man ist sich ohne genaue Gewissenserforschung oft der eigenen Handlungsmotivation nicht völlig bewusst.

Sich und seinem Schöpfer über die eigenen Handlungen Rechenschaft abgeben zu können, ist grundsätzlicher Bestandteil christlichen Strebens; dazu mag auch die Ermahnung anderer oder der Hinweis auf schlechte Beispiele gehören, ein endgültiges Urteil steht uns diesbezüglich jedoch nicht zu.

 

2.3.1. Erbsünde

suendenfall

Wer die Welt offen betrachtet merkt schnell, dass Vieles nicht so ist, wie es sein sollte. Es gibt Ungerechtigkeiten und Übel aller Art an allen Orten. Um dies zu erklären, gibt es unterschiedliche Ansätze, angefangen von der zufällig entstandenen Welt durch ein (grausames) Selektionsprinzip, bis hin zu bösen Göttern. Die Bibel, die von einem Gott der Liebe als Schöpfer spricht, erklärt den Zustand der Welt dadurch, dass mit dem Menschen, mit seiner Fähigkeit zur freien Entscheidung, die Möglichkeit der Abwendung vom Schönen und Guten in die Welt kam. Der sog. "Sündenfall" beendete die "paradiesischen Zustände", die der Welt eigentlich zugedacht waren.

Die Ursünde, sein zu wollen wie Gott (Gen. 3,5), ist der Hochmut. Durch ihn ist die Welt aus den Fugen geraten, da der Mensch nicht liebend in Gott aufzugehen bereit war, sondern in Konkurenz zu ihm tritt, ihn gar verdrängen will. „Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen” (Gen. 11,6) heisst es in der Heiligen Schrift über das menschliche Streben.
Es ist also etwas in die Welt und in die Natur des Menschen gekommen, was ihn von Gott trennt - etwas Sündiges. Ein leicht anschauliches Beispiel kennen wir alle, wenn wir uns die Situation in der wir auf die Welt kommen vorstellen: Von vorn herein empfinden wir uns fälschlich als Mittelpunkt, alles scheint um uns herum gruppiert zu sein. Den Wert oder Rang den wir uns aus diesem Betrachtungswinkel einbilden verleitet nur allzu leicht zum Hochmut besser von sich zu denken, als man tatsächlich ist.

Um zu lernen und zu akzeptieren, dass wir nicht das Maß aller Dinge sind, benötigen wir liebenden Zuspruch, denn ohne diese Gnade (die bewusst oder unbewusst vor allem auch die Gnade Gottes ist) geraten wir schnell in Gefahr zu verstocken und trozig auf unserer vermeintlichen Sonderstellung zu beharren. Dass sich gerade hier ein offenes Tor für Sünde und Leid in der Welt befindet, ist ebenso einzusehen, wie die Unfähgigkeit des Menschen, dieses aus eigener Kraft dauerhaft zu verschließen.

Erbsünde ist also eine grundsätzliche Distanz zu Gott, die uns seit dem Sündenfall mitgegeben ist, und die wir nicht ohne äußere Gnade überwinden können. Diese wurde den Menschen nach christlichem Glauben schließlich durch die Menschwerdung Gottes gewährt und kommt auf jeden Einzelnen herab, durch die Taufe.

 

 

2.3.2. Stellenwert moralischen Handelns

Warum soll man als Christ glauben, oder gar in die Kirche gehen — reicht es nicht völlig aus, den Mitmenschen freundlich und hilfsbereit gegenüber zu stehen und sich nach bestem Wissen für Arme, Kranke und Schwache einzusetzen?

"An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen." Dieser Ausspruch (Mt. 7,16) wird gerne herangezogen um zu zeigen, dass viele Angehörige der Kirche offensichtlich nicht nach christlichen Moralvorstellungen leben, dagegen oft Ungetaufte ein sehr ausgeprägtes caritatives Engagement zeigen. Ist es also letztlich egal, ob man getauft ist und wozu man sich bekennt?

Eine genauere Betrachtung des Baumes mit seinen Früchten spricht jedoch deutlich gegen diese Auffassung, denn der genannte Schrifttext steht in einem Kontext, der den Zusammenhang zwischen Baum und Frucht gerade deutlich gemacht. Es ist nicht beliebig, an welchem Baum eine Frucht hängt, und so heisst es im Weiteren: "Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte." (Mt. 7,17)

Wenn mit dem christlichen Glauben der gesunde Baum gemeint ist, getaufte Christen oder gar Kirchgänger in ihrem Handeln jedoch keine gesunden Früchte tragen, dann spricht dies nicht gegen die christliche Lehre sondern zeigt viel eher einen Defizit in der Ernsthaftigkeit des Schau getragenen Christentums. Fällt auf der anderen Seite jemand ohne erkennbare christliche Wurzeln durch guten Taten und einen gesunden liebevollen Charakter auf, so kann man das als Christ durchaus auf ein unbewusstes Wirken des Heiligen Geistes zurückführen.

Oft schmerzhaft erfahren wir in unserer modernen Gesellschaft, dass mit dem Rückzug christlicher Überzeugungen ein allgemeiner Werteverfall einher geht. Dabei ist das Verschwinden selbstloser Liebe nicht der Anfang, sondern das Ende eines Prozesses, da die christliche Moral ja nicht die Wurzel sondern die Frucht des christlichen Glaubens ist. Wie bei einem Baum kann die Frucht das Faulen der Wurzel auch hier überleben; die Folgen des fehlenden Unterbaus zeigen ihre vollständigen Wirkungen oft erst sehr viel später.

 

2.3.3. Todsünden

Sünden sind Handlungen durch die man sich von Gott entfernt. Todsünden (auch Kapitale Sünden oder Hauptsünden) sind die den einzelnen Sünden zugrunde liegenden Geisteshaltungen, die den Weg zu Gott dauerhaft stören. Nicht jeder Mensch ist dabei für alle Versuchungen gleich anfällig, es lohnt sich aber genau zu prüfen, wo die eigenen Schwachstellen liegen, da man nur so Blockaden abbauen und auf dem Weg persönlicher geistlicher Reife voranschreiten kann.

Todsuenden

Luxuria - Unkeuschheit
Der ungebremste Sexualtrieb degradiert den Menschen zum würdelosen Objekt der Begierde.

Acedia - Schwermut
Depressionen dürfen im Leben nicht die Oberhand gewinnen, so dass man die Hoffnung nie ganz verliert.

Ira - Zorn
Wer seine Wünsche mit Gewalt durchzudrücken versucht verliert schnell alles Maß und Ziel.

Gula - Völlerei
Essen ohne Maß, als Ersatzbefriedigung, macht träge und lässt keinen Raum zur geistigen Entwicklung.

Avaritia - Habsucht
Der ungebremste Sammlertrieb macht vom Gesammelten abhängig und versperrt den Weg zur Freiheit.

Superbia - Hochmut
Sich als Mittelpunkt der Welt empfindend neigt man zur Überheblichkeit, wodurch man sich und anderen nicht gerecht wird.

Invidia - Neid
Wer anderen nichts gönnt und alles für sich beansprucht wird hinterhältig und verschlagen.

 

2.3.4 Hölle, Fegefeuer

Eine ganze Reihe an Theologen und kirchlichen Angestellten verneinen die Existenz der Hölle mit Hinweis auf die Liebe Gottes. Meistens wird damit argumentiert, dass ein liebender Gott doch keine ewige Verdammnis zulassen können. Dennoch sprechen auch nicht wenige Argumente für deren Existenz.

Zuerst einmal ist da die Bibel selbst. Die Hölle wird nicht nur einmal erwähnt, mit am bekanntesten dürfte wohl die Stelle bei Markus (10,25) sein: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt."
(Eine Reihe an weiteren Erwähnungen findet sich u.a. hier: Mt 5,21/22/29; Mt 10,15; Mt 13,50; Mk 16,16; Lk 12,5; ...)

Des weiteren nimmt die Argumentation gegen die Existenz der Hölle den Begriff der Freiheit des Menschen nicht ernst. Wenn der Mensch frei ist sich für oder gegen Gott zu entscheiden, dann muss die Möglichkeit eines konsequenten Abwendens von Gott gegeben sein. Alles andere wäre eine Scheinfreiheit, der Mensch wäre zur Gefolgschaft gezwungen und das Verhältnis Gottes zu uns Menschen wäre nur als grausames Spiel zu verstehen, um die einen Menschen länger und die anderen weniger lange leiden zu lassen.

Die Erfahrung endgültiger Schritte ist zudem auch eine alltägliche. Wer einmal einen falschen Schritt auf die Straße getan hat und dabei beispielsweise vom Auto überfahren wurde, kann diesen Schritt nicht ungeschehen machen. Verantwortlich ist man für Fehltritte selbst, ganz unabhängig davon, wie sehr man geliebt wird. Dass ein Tod bei Freunden und Verwandten großes Leid auslöst, macht ihn nicht ungeschehen, ebenso ist ein Leben nicht allein dadurch gerettet, dass es den liebenden Gott schmerzt, wenn ein geliebter Mensch fehl geht.

Zudem sei hier noch einmal auf den Begriff der Ewigkeit hingewiesen: Da es im Jenseits keine Zeit gibt, ist auch kein Raum zur Umkehr und Busse gegeben. Die Vorstellung also, dass man auch nach dem Tod mit der Zeit zur Liebe fähig würde widerspricht der kosmischen Grundannahme, die die Ewigkeit nicht als unaufhörliche Aneinanderreihung von Zeit begreift.

Anders verhält es sich mit dem Fegefeuer.
Hierunter versteht man eine Phase der Reinigung für alle prinzipiell Geretteten, die (im übertragenen Sinne) noch Schmutz an Ihren Schuhen haben — also noch nicht völlig frei sind von der Schuld begangener Sünden. Sehr anschaulich findet sich eine Beschreibung dazu im Gedicht "Traum des Gerontius" von John Henry Newman:

 

purgatory

Siehst deinen Richter du, wenn das dein Los:
Sein Anblick wird in deinem Herz entzünden
Alles, was zart, anmutig, ehrfurchtsvoll.
Du wirst vor Liebe krank sein, nach Ihm schmachten
Und meinen, daß du Ihn bedauern mußt,
Weil solch ein Edler so sich selbst erniedrigt,
Daß ein erbärmlich Wesen so wie du
Ihn hat mißbrauchen dürfen so erbärmlich.
In Seinen ernsten Augen eine Sprache ist,
Die in das Herz dich trifft und dich verwirrt,
Du wirst verabscheun dich und hassen, denn,
Der Sünde bar, fühlst du, daß du gesündigt,
Wie du es nie gefühlt, und du wirst wünschen,
Hinwegzuschleichen, Seinen Anblick meidend,
Und doch ein Sehnen haben, ja zu weilen
Im Herz der Schönheit, das Sein Antlitz ist.
Gedoppelt Pein, sich widersprechend beide:
Das Sehnen nach Ihm, wenn du Ihn nicht siehst,
die Scham bei dem Gedanken, Ihn zu sehen -
Das eben ist dein ärgstes Fegefeuer.

2.3.5 Was hat es mit dem Teufel auf sich?

Nicht selten wird der Teufel als eine Art "Gegengott" beschrieben, als Vertreter eines "Prinzips des Bösen", als Gegenspieler zum guten Schöpfer. Diesen Stellenwert räumt ihm die christliche Tradition allerdings nicht ein, hier wird er nicht einmal im Glaubensbekenntnis erwähnt.

Ist es also gar nicht nötig den Teufel zu fürchten, sich von seinen Versuchungen in acht zu nehmen oder gar an seine Existenz zu glauben?

Tatsächlich ist ein Glaube an den Teufel nirgendwo gefordert. Ihm selbst dürfte es eher recht sein, wenn man nicht an ihn glaubt, solange man ihm folgt, denn genau darum geht es: um die Nachfolge. Ähnlich wie man Christus folgen kann im Wunsch ein liebender Mensch zu sein und persönlich und zu reifen, so kann man auch dem Versucher folgen und sich an Fetische und Götzen binden.

Es ist oft nicht einfach, einen teuflischen und einen christlichen Weg zu unterscheiden, da sie sich von aussen häufig stark ähneln. Versinnbildlicht ist diese Erfahrung in Vorstellungen, der Teufel trete in Engelsgestalt auf (sein schönes, verführerisches Antliz täusche über das Wahre Ziel hinweg), oder auch dass er selbst nichts erschaffe, jedoch ein Meister der Nachahmung sei.

Begierde die den anderen letztlich ausnutzt wird so vielfach nicht von wahrer hingebender Liebe unterschieden. Ob man sich selbst aber auf einem Irrweg befindet, kann man häufig erst an (gedachten) Konsequenzen erkennen, wenn das vermeintlich Wohltuende in eine immer tiefere Verstrickung zur Todsünden führt.

 

2.3.6. Der Kreuzestod Christi

"Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat". (Joh 3,16)

Die Hingabe Christi für unsere Sünden, der schuldlose Tod am Kreuz, ist damals wie heute nicht leicht zu verstehen. So schreibt schon Paulus: "Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als Gekreuzigten: für die Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit." (1 Kor 1,22-23)

Um dieses Mysterium zu begreifen ist es vor allem wichtig sich vor Augen zu führen, was es bedeutet, dass Gott die Liebe selbst ist. Schon als Menschen kennen wir den Wunsch, eins zu werden in der Liebe. Dem Geliebten Menschen so nahe wie möglich zu sein und sich hingebend (nicht allein körperlich) mit ihm zu vereinen ist in gleicher Weise wesenhafter Ausdruck der Liebe wie der Wunsch ihn auf Händen zu tragen, vor allem Übel zu bewahren und mögliches Leiden lieber auf sich zu nehmen.

Indem der Schöpfer selbst in die Welt hinab gestiegen ist und Mensch wurde, mit uns gelebt, gelacht und gelitten hat, das Schicksal des Todes mit uns geteilt und uns dadurch den Weg zum ewigen Leben gewiesen hat, öffnet er sich den Menschen in genau dieser, der Liebe gemäßen Weise. Zum besseren Verständnis kann man das in verschiedenen Ansätzen auch direkt aus der Bibel ableiten:

Meister_der_Augustiner_KreuzigungChristus als Stellvertreter
Der Gedanke der Stellvertretung ist ein in der Hl. Schrift immer wiederkehrendes Motiv. So hat Adam stellvertretend für uns alle gesündigt, Abrahams Berufung ist Segen für alle Geschlechter (Gen 12,3), der Bund mit Israel das Licht für alle Völker (Jes 42,6). Gemäß dem Gedanken, dass einer für alle handelt, stehen wir alle in der Schuld Adams — können so aber auch durch die Heilstat Christi aus dieser Schuld befreit werden.

Christus als Opfer
Sehr anschaulich wird der Opfercharakter des Todes Christi im Kapitel 9 des Hebräerbriefes beschrieben, als vollkommenes Opfer, welches alle vorangegangenen Opfertaten der Juden vollendet. Hierbei geht es nicht mehr um irdische Gaben die dem Herrn als Zeichen der inneren Hingabe des Opfernden dargebracht werden, sondern um die reine Hingabe selbst: Christus ist Gott, Priester und Opfergabe, die er nicht in einem von Menschen errichteten Tempel darbietet, sondern direkt vor dem Antlitz des Vaters; aus hingebungsvoller Liebe als Sühne für unsere Schuld.

Überwindung des Todes als Zeichen der Hoffnung
Nicht zu trennen ist der Tod Christi von der Auferstehung. Der lebendige Gott ist für die Menschen gestorben um mit ihnen völlig Eins zu werden und hat sich nach seinem Tod als Auferstandener den Menschen gezeigt. Dies ist der Kern der Frohen Botschaft: der Tod ist nicht endgültig, er ist für alle sichtbar überwunden worden.
Um auch den nachfolgenden Generationen die Historizität der Auferstehung deutlich zu machen, legt das Neue Testament besonders großen Wert auf die eindeutige Darstellung sowohl des Todes (Joh 19, 34 zeigt das geronnene Blut im toten Körper) als auch der mit Händen fühlbaren Aufersteung (Joh 20, 27-28).