1.1. Was versteht man unter Ewigkeit?
Im heutigen Sprachgebrauch wird Ewigkeit oft mit Unendlichkeit gleichgesetzt.
Aus dem mathematisch- naturwissenschaftlichen Erfahrungsbereich sind wir mit dem Begriff der Unendlichkeit gut vertraut: er wird dort als Reihe von Endlichkeiten begriffen, die sich unaufhörlich aneinander fügen. Analog der Zahlenreihe ist es so möglich, stete Additionen auf Zeit und Raum anzuwenden um eine Vorstellung von Unendlichem zu schaffen.

Der christliche Begriff „Ewigkeit“ meint keinen auf diese Weise ausgedehnten Zeitraum, sondern im Gegenteil einen Zustand fehlender Zeit. Dabei bedeutet dieses „Fehlen“ keinen Mangel: der Ewigkeit geht die Zeit nicht einfach ab, als wäre sie ohne Zeit unvollkommen, denn „Zeit” wird im Christentum genau wie „Raum” zur Schöpfung gezählt und ist somit einem Anfang und einem Ende unterworfen; beides ist geschaffen. Die Vorstellung einer Ewigkeit überbietet Raum und Zeit: In ihr fallen Anfang und Ende zusammen und so steht sie quasi außerhalb unserer Welt.
Die Rede von Gott als Α und Ω, Alpha und Omega, Anfang und Ende, wird aus dieser Perspektive verständlich. Er braucht nicht ans Ende der Welt zu blicken um vom Anfang her die Zukunft zu sehen, denn in der Ewigkeit Gottes ist alle Zeit „gleichzeitig”.
Bei derartigen Betrachtungen ist es wichtig festzuhalten, dass wir von Unendlichkeit oder Ewigkeit zwar sprechen können, unsere konkreten Vorstellungen aber sehr wage bleiben müssen. So richtet sich unsere Wahrnehmung generell auf Endliches, aus dem wir Unendliches schließen. Sprechen wir von Ewigkeit, so sind wir auf unsere von Zeit geprägte Sprache angewiesen.
So lange wir also wissen, dass die Rede von „vor der Schöpfung“ nicht zeitlich gemeint sein kann, können derartige sprachliche Eselsbrücken zum Verständnis von Ewigkeit verhelfen.
Als Konsequenz eines zeitlosen Ewigkeitsverständnisses ergeben sich Grundsatzansichten, von denen folgende Aufzählung ein kleiner Ausschnitt ist:
- Gott ist als Schöpfer der Welt nicht den Bedingungen von Raum und Zeit unterworfen.
- Unsere Schöpfung mit Zeit und Raum ist Teil der Ewigkeit, quasi „in“ ihr vorhanden.
- Was in unserer Welt an einem Zeitpunkt geschieht, ist auch in der Ewigkeit existent, allerdings dort nicht zeitlich fixiert.
- Es kann in der Ewigkeit keine Langeweile geben, da diese durch das Empfinden langsam verrinnender Zeit bedingt ist.
- Fehlen von Zeitlichem heisst nicht, dass nichts geschieht. Beispielsweise spielt sich die gesamte Schöpfung mitsamt unserer Zeit „in“ ihr ab.
