Die selige Jungfräuliche Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche
Das Konzil will die Aufgabe Marias im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes und seines Mystischen Leibes beleuchten, sowie die Pflichten der erlösten Menschen gegenüber der Gottesgebärerin.
Dabei soll keine vollständige Lehre über Maria vorgelegt werden, so dass theologisch noch nicht geklärte Fragen offen bleiben und die in den katholischen Schulen frei vorgetragenen Auffassungen ihr Recht behalten.
Ausgangspunkt ist dabei der gütigste und weiseste Gott, der die Erlösung der Welt durch das Senden seines von der Frau geborenen Sohnes vollenden wollte, damit wir die Annahme zu Söhnen empfingen. (vgl. Gal 4,4-5) Das Heilsmysterium der Fleischwerdung durch den Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau wird in der Kirche fortgesetzt, die der Herr als seinen Leib gegründet hat.
Die Jungfrau Maria, die auf die Botschaft des Engels Gottes Wort in ihrem Herzen und in ihrem Leib empfing, wird als wahre Mutter Gottes und des Erlösers anerkannt und geehrt. Im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabene Weise erlöst und mit ihm in enger und unauflöslicher Verbindung, ist sie die bevorzugt geliebte Tochter des Vaters und das Heiligtum des Heiligen Geistes.
Dadurch hat sie Vorrang vor allen anderen himmlischen und irdischen Kreaturen, zugleich findet sie sich mit allen erlösungsbedürftigen Menschen in der Nachkommenschaft Adams verbunden; „sie ist sogar Mutter der Glieder (Christi), ... denn sie hat in Liebe mitgewirkt, dass die Gläubigen in der Kirche geboren würden, die dieses Hauptes Glieder sind." (Augustinus, De S. Virginitate, 6: PL 40, 399) So wird sie von der Kirche als überragendes und völlig einzigartiges Mitglied, sowie als ihr Typus und klarstes Urbild im Glauben und in der Liebe gegrüßt.
Schon in den Schriften des Alten Testaments kündigt sich mit dem langsamen Voranschreiten der Ankunft Christi auch die Gestalt der Mutter des Erlösers immer deutlicher an. Sie ist Adam und Eva prophetisch in der Verheißung vom Sieg über die Schlange angedeutet, ähnlich wird sie als Jungfrau, die empfangen und einen Sohn gebären wird, dessen Namen Emmanuel heißen wird, genannt. (vgl. Is 7,14; Mich 5,2-3; Mt 1,22-23) Mit ihr als der erhabenen Tochter Sion ist nach langer Erwartung die Zeit erfüllt und die neue Heilsökonomie hat begonnen.
Der Vater der Erbarmungen wollte, dass vor der Menschwerdung die vorherbestimmte Mutter ihr empfangendes Ja sagte, damit wie eine Frau zum Tode beigetragen hat, auch eine Frau zum Leben beitrüge. Vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an wird die Jungfrau von Nazareth vom Engel als „voll der Gnade" gegrüßt und sie antwortet: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort."
Maria ist also nicht nur passiv von Gott benutzt worden, sondern hat mit ihrem Glauben und freiem Willen gehorsam zum Heil der Menschen mitgewirkt, so dass die Väter sagen können: „Der Tod kam durch Eva, das Leben durch Maria." Die Verbindung der Mutter im Heilswerk zeigt sich von der Empfängnis bis zum Tod Christi:
- Beim Besuch der Elisabeth, von dieser seliggepriesen, als der Vorläufer im Mutterschoß aufjubelte
- als bei der Geburt die Gottesmutter ihren Sohn den Hirten und Magiern zeigte
- als sie bei der Darbringung im Tempel hörte, wie Simeon vorherverkündigte, dass der Sohn das Zeichen des Widerspruches sein und die Seele der Mutter das Schwert durchbohren werde
- als die Eltern den Knaben Jesus verloren und im Tempel wiederfanden und sie alles in ihrem Herzen bewahrte
Im öffentlichen Leben tritt sie bei der Hochzeit zu Kana und veranlasst den Anfang der Zeichen Jesu. Im Verlauf seiner Verkündigung ging die selige Jungfrau den Pilgerweg des Glaubens mit, bis zum Kreuz, unter dem sie dem Opfer ihres Sohnes liebevoll zustimmte, so dass Christus sie dem Jünger zur Mutter gab mit den Worten: Frau, siehe da dein Sohn.
Nach Christi Tod verharren die Apostel mit der Mutter Jesu einmütig im Gebet, bis die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt, nach Vollendung des irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht wurde. (vgl. Apk 19,16)
Es gibt nur einen Gott und nur einen Mittler Gottes und der Menschen, nämlich Christus. Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen verdunkelt diese Mittlerschaft Christi nicht, sie zeigt ihre Wirkkraft. Maria ist uns in der Ordnung der Gnade Mutter, weil sie von Ewigkeit her als Mutter Gottes bestimmt war, großmütige Gefährtin und demütige Magd des Herrn war und in einzigartiger Weise in Gehorsam, Glauben, Hoffnung und brennender Liebe an der Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen mitgewirkt hat.
Diese Mutterschaft Mariens in der Gnadenökonomie dauert unaufhörlich an. In diesem Sinne nennt die Kirche sie Fürsprecherin, was aber so zu verstehen ist, dass es der Würde und Wirksamkeit Christi nichts abträgt und nichts hinzufügt. Es kann nämlich keine Kreatur mit dem menschgewordenen Erlöser in einer Reihe gezählt werden. Die Kirche bekennt eine solche untergeordnete Aufgabe Marias, die sie zudem ständig erfährt und den Gläubigen an Herz legt.
Maria ist durch die göttliche Mutterschaft im Geheimnis der Kirche vorausgegangen, indem sie in hervorragender und einzigartiger Weise das Urbild sowohl der Jungfrau als auch der Mutter ist und bei der Geburt und Erziehung der Gläubigen in mütterlicher Liebe mitwirkt. Indem sie Marias geheimnisvolle Heiligkeit nachahmt, ist auch die Kirche Mutter und Jungfrau.
Während die Kirche in der seligsten Jungfrau schon zur Vollkommenheit gelangt ist, bemühen sich die Christgläubigen noch, die Sünde zu besiegen und in der Heiligkeit zu wachsen; dabei schauen sie auf Maria als Urbild der Tugenden.
Maria wird von der Kirche in einem eigenen Kult geehrt. Schon seit ältester Zeit wird sie unter dem Titel „Gottesgebärerin" geehrt, besonders seit der Synode von Ephesus, gemäß ihren eigenen prophetischen Worten: „Selig werden mich preisen alle Geschlechter, da mir Großes getan hat, der da mächtig ist." (Lk 1,48)
Dieser Kult, wie er immer schon in der Kirche bestand, ist zwar einzigartig, unterscheidet sich aber wesentlich vom Kult der Anbetung, der allein Gott dargebracht wird. Die verschiedenen Formen der Verehrung der Gottesmutter fördern die Anbetung des dreieinen Gottes und bewirken, dass in der Ehrung der Mutter der Sohn richtig erkannt, geliebt und verherrlicht wird.
Die Theologen und Prediger werden eindringlich ermahnt, sich ebenso jeder falschen Übertreibung sowie einer zu großen Geistesenge bei der Betrachtung der einzigartigen Würde der Gottesmutter sorgfältig zu enthalten. Die Gläubigen sollen eingedenk sein, dass die wahre Andacht weder in unfruchtbarem und vorübergehenden Gefühl noch in irgendwelcher Leichtgläubigkeit besteht, sondern aus dem wahren Glauben hervorgeht.
Wie die Mutter Jesu schon im Himmel mit Leib und Seele verherrlicht ist, leuchtet sie auch hier auf Erden bis zur Ankunft des Tages des Herrn als Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes dem wandernden Gottesvolk voran.
Es bereitet dem Konzil große Freude und Trost, dass auch unter den getrennten Brüdern, besonders unter den Orientalen, solche nicht fehlen, die der Mutter des Herrn die gebührende Ehre erweisen.
So mögen alle Christgläubigen inständig zur Mutter Gottes flehen, dass sie Fürbitte bei ihrem Sohn einlege, bis alle Völkerfamilien in Friede und Eintracht glückselig zum einen Gottesvolk versammelt werden, zur Ehre der heiligsten und ungeteilten Dreifaltigkeit.




