Zum Begriff der Natur

Das Wort „Natur" ist in aller Munde. Wir wollen die Natur schützen, wie sehen sie als bedroht an, wir machen Urlaub in der Natur, hätten gern ein Ferienhaus in der freien Natur und natürlich wollen wir die Natur aus vollen Zügen genießen und bewahren.

Dabei ist vielen gar nicht klar, was sie mit dem Begriff „Natur" eigentlich meinen, denn der ist im Deutschen mehrdeutig.

Wenn wir auf der einen Seite von der „Natur" des Menschen sprechen, von einem „natürlichen" Verhalten, oder wenn – wie es bei Büchner heißt – einem die Natur kommt*, so meinen wir eine Veranlagung, die durch keine bewusste Prägung und auch nicht durch moralische bzw. reflektierte Ziele beeinflusst wurde. Die „Natur" der Sache meint „Ursprünglichkeit", auch auf den Menschen bezogen. Dabei wird meist unterstellt, dass sich die menschliche Natur in „natürliche" und meist nicht weiter konkretisierte, „spezifische" Merkmale trennen ließe. Nicht selten sind derartige Unterscheidungen mit politischen oder moralischen Ansprüchen verbunden sowie mit der Forderung, Attitüden oder gekünstelte Haltungen aufzugeben.

Der Einfachheit wegen werden wir auf diesen Seiten von der Natur als dem von Menschen unbeeinflussten Raum sprechen, wohl wissend, dass es diesen auf der Erde streng genommen nicht mehr gibt. Selbst fremde Planeten können mittlerweile nicht mehr als unberührte Natur gelten, sei es allein durch unsere Beobachtung oder gar durch Technik, mit der wir dort Veränderungen vorgenommen haben.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es das Wesen des Menschen ausmacht, aus der unberührten Natur, eine berührte Natur, eine Kultur zu schaffen.

Natur ist in diesem Sinne aber weder defizitär, noch in ihrer „Natürlichkeit" besonders wertvoll. Sie ist ethisch und ästhetisch neutral, denn solche Kategorien kommen dort nicht vor. Es ist der Mensch, der wertend in die Natur tritt, der sie romantisierend als besonders rein oder moralisierend als grausam bezeichnet. Wenn wir zu den Sternen blicken und dort Schönheit feststellen, so sind wir es, die diese dort erkennen, die Natur weiß davon nichts.

Erst indem wir uns als von der Natur getrennt betrachten, wenn wir uns ihr als entwachsen begreifen, können wir sie als Gegenüber wahrnehmen und uns in einer Beziehung zu ihr verhalten. Naturschutz ist nur möglich, wenn wir die Natur von außen betrachten und verändern können. Ebenso können wir nur dann „Schuld" an Schäden sein, wenn wir keine immanente Laune der Natur selbst sind. Wer in einem Fluss schwimmt, kann diesen nicht umlenken: Er muss heraussteigen und einen Damm bauen.

Von dieser Ausgangsposition gesehen sind die Naturbeiträge auf den Grünland-Seiten von Medias in Res zu verstehen. Wir betrachten die Natur als eigenständiges System, welches sich durch unser Eingreifen verändert: teils zum Guten, teils zum Schlechten. Unser Anspruch dabei ist in erster Linie das Darstellen und Verstehen von Zusammenhängen. Wo es geboten scheint, weisen wir auf Missstände hin und wo es möglich ist, bieten wir Ansätze zur Reflexion und zur positiven Gestaltung.

* Georg Büchner, Woyzeck, „das hat keine Tugend, es kommt einem nur so die Natur;"