
Am 25. Mai 2026 ist die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV erschienen. Das Thema der Künstlichen Intelligenz gilt ja als Herzensanliegen des Papstes, der schon bei der Namenswahl an die große Sozialenzyklika von Leo XIII anknüpfte; eine Analogie zwischen den Umwälzungen der Industrialisierung und eben heute, der KI.
Was mir an mehreren Stellen aufgefallen ist, betrifft gar nicht so sehr das Hauptthema. Es ist der durchgehende Anspruch an alle Getauften, sich verbal einzubringen, Vorschläge auszubreiten und so aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben. Das gilt primär für die westlichen Demokratien, aber es schimmert immer auch eine Interpretation von Synodalität in der Kirche durch.
Teile lesen sich beinahe wie eine direkte Ansage an unser politisches Establishment, wenn es z.B. in Abschnitt 39 heißt: „[...] wonach die Kirche die Demokratie in dem Maße wertschätzt, wie sie die wirksame Beteiligung der Bürger gewährleistet, die friedliche Wahl und Ablösung der Regierenden ermöglicht und verhindert, dass die Macht von kleinen Eliten monopolisiert wird [...]“. (Wen das Gendern bei „Regierende“ stört, dem sei gesagt, dass das Dokument wohl in großer Eile ins Deutsche übersetzt wurde und sprachlich eine Reihe von Mängeln und Fehlern aufweist.)
Die Enzyklika beginnt ganz klassisch mit einem Rückblick. Es werden die Grundsätze der Sozialethik entwickelt und am Beispiel vergangener Päpste und Lehrschreiben erläutert. Besonders zwei Aspekte halte ich für besonders erwähnenswert: Die Anwendung der Subsidiarität auch auf den digitalen Bereich und die Ausführungen zum Thema Eigentum.
Subsidiarität bezeichnet das bekannte Prinzip, dass sich eine übergeordnete Instanz nicht in Aufgaben einmischen darf, die eine untergeordnete allein bewerkstelligen kann. Was also die Familie selbst entscheiden kann, dafür braucht es keinen Staat – ja, da darf er nicht einmal eingreifen. Magnifica Humanitas wendet diesen Grundsatz auch auf den digitalen Bereich an und gibt somit dem Anwender eine Handhabe gegen große Softwareanbieter und Plattformen. Zumindest dem Anspruch nach.
Womit ich mich deutlich schwerer tu, ist die Abwertung des Privateigentums, die ich seit Papst Franziskus feststelle und die hier offensichtlich fortgeführt wird. Dabei ist die Kirche traditionell gar nicht so skeptisch, was den Eigentumserwerb angeht und wertschätzt durchaus den Erwerb als positive Triebkraft, u.a. auch der zitierte Leo XIII. Hier aber klingt eine Definition durch, die mehr nach Makulatur klingt. Eigentum ja, aber im Zweifel doch nur, um es zu verteilen.
Mir fehlt hier der Mut, den ausgeführten Ansatz der Subsidiarität auch konsequent anzuwenden. Würde man das Recht des Einzelnen am Eigentum, vor allem auch seiner Daten, stärken, wären die Konzerne in ihren Rechten von vornherein deutlich eingeschränkt.
Gut auf den Punkt gebracht finde ich hingegen die Definition von Solidarität aus Abschnitt 73: „Solidarität kommt zum Ausdruck, wenn jeder, persönlich und zusammen mit anderen, am Leben der Gemeinschaft teilnimmt – sich informiert, sich mit anderen zusammentut, seine Stimme erhebt, zu öffentlichen Entscheidungen und Weichenstellungen beiträgt“. Sie ist eines der oben erwähnten Beispiele für eine Stärkung des Einzelnen, durch dessen Stimme Gemeinschaft wächst.
Für mich einer der stärksten Ansätze ist die Unterscheidung zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz: „Moderne Künstliche Intelligenzen werden nämlich eher „gezüchtet“ als „gebaut“: Die Entwickler entwerfen nicht jedes Detail direkt, sondern schaffen eine Architektur, auf der KI „wächst“. (Abschnitt 98)
Die Unterscheidung zwischen der Leiblichkeit mit ihren Fehlern auf der einen Seite und einer reinen Anpassung durch Trial and Error kann treffender nicht dargelegt werden: „Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen: Sie unterscheiden nicht zwischen Gut und Böse, sie erkennen nicht den eigentlichen Sinn von Situationen und sie nehmen die Last der Konsequenzen nicht auf sich.“ (Abschnitt 99)
Und weiter heißt es im selben Abschnitt: „Auch wenn diese Werkzeuge als „lernfähig“ dargestellt werden, unterscheidet sich ihre Art des Lernens von der einer menschlichen Person. Es handelt sich nicht um die Erfahrung eines Menschen, der sich vom Leben formen lässt und im Laufe der Zeit durch Entscheidungen, Fehler, Vergebung und Treue wächst; vielmehr ist es eine statistische Anpassung auf der Grundlage von Daten und Rückmeldungen, die zwar sehr effektiv sein kann, aber kein inneres Wachstum impliziert.“
Aus dieser Einsicht wächst das Verständnis, dass immer nur der Mensch für das verantwortlich sein kann, was eine Maschine, mag sie noch so komplex sein, ausgibt. Prinzipiell ist das nicht neu und bisher bei menschlichen Erzeugnissen nicht anders gewesen, weder im Bereich der Technik noch der Kunst: „So wie der Schöpfer eines künstlerischen oder literarischen Werks die Werte bedenken muss, die es zum Ausdruck bringt, so sind auch sie gehalten, die Werte, die sie in ihre Projekte einfließen lassen, mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu behandeln“ (Abschnitt 111)
Eine klare Absage erteilt Papst Leo XIV in seiner Enzyklika dem Trans- und Posthumanismus, insofern er versucht, den Menschen wie eine Maschine zu optimieren. Den „Traum, die Begrenztheit des menschlichen Lebens zu überwinden“ (Abschnitt 116) sieht er grundsätzlich als defizitär an. Zwar soll Technik unterstützen, auch bei Krankheiten kann sie heilend wirken, aber die Begrenztheit des Menschen wird von Leo XIV nicht als Mangel betrachtet, sondern im Gegenteil als Bedingung menschlichen Reife.
„Wenn der Mensch als Material behandelt wird, das man vervollkommnen oder überwinden muss, dann wird es leichter akzeptabel, dass einige Menschen als weniger nützlich, weniger liebenswert, weniger würdig angesehen werden“, führt er in Abschnitt 117 aus. Zur Bewertung des Einsatzes einer komplexen Technik am Menschen sollte man sich die Frage stellen, ob sie zur Entfaltung hilft, oder Fehler beseitigen, bzw. optimieren möchte. Bei Ersterem kann man von einer Einbindung in den göttlichen Plan sprechen, während Zweiteres die Menschlichkeit reduziert.
Der im Folgenden ausgebreitete Anspruch, „die Wahrheit wieder als Gemeingut zu entdecken, die Würde der Arbeit zu schützen und die Freiheit vor jeglicher Abhängigkeit und Kommerzialisierung zu bewahren“ (Abschnitt 131), ist vor allem im ersten und dritten Punkt überzeugend.
Insbesondere die Klarstellung, dass auch die so genannten virtuellen Welten, also das Internet insgesamt, keine Parallelwelt ist und es hier auch keinen von der restlichen Welt getrennten, weniger wahren oder wirklichen Raum gibt: „Die in digitalen Räumen kursierenden Inhalte beeinflussen die Art und Weise, wie Menschen die Welt wahrnehmen, und bringen Bilder und Erzählungen in das kollektive Bewusstsein ein, die Wünsche formen und tägliche Entscheidungen beeinflussen. Dies »ist keine parallele oder rein virtuelle Welt«, denn was im Internet entsteht, wird nunmehr Teil des Lebens der Menschen“ (Abschnitt 135)
Sehr schade finde ich nach diesem gelungenen Einstieg zum Thema Wahrheit, dass sich die Enzyklika dann eher kraftlos mit dem großen Komplex der Bildung befasst. Immerhin wird erwähnt, dass Lehrer allgemein sehr häufig nicht ausreichend geschult sind (Abschnitt 145). Wer unsere Schulen kennt, wird den Ansatz, diese zur Vorbereitung auf moderne Technologien einzusetzen, wohl eher als etwas blauäugig abtun und als wüsste die Enzyklika an dieser Stelle selbst um ihre Praxisferne, setzt sie noch eins drauf, indem sie ganz im Gegensatz zum oben noch hochgehaltenen Subsidiaritätsprinzip auf einmal von Altersbeschränkungen spricht, von gesetzgeberischen Maßnahmen (Abschnitt 142) und ganz grundsätzlich Social Media, KI und andere IT-Dienste vermischt (Abschnitt 141).
Immerhin endet der Abschnitt mit einer vernünftigen Erkenntnis und man fragt sich, warum genau dieser Ansatz nicht deutlicher ausgebaut worden ist: „Die Schule braucht nicht der Geschwindigkeit der digitalen Welt nachzujagen, sondern sollte das anbieten, was die digitale Welt allein nicht geben kann: gemeinsame Zeit für das Lernen und verlässliche Beziehungen.“ (Abschnitt 147)
Kommen wir zum Thema Arbeit. Abschnitt 149 spricht von Arbeit in Würde, was gut klingt aber letztlich ein eher altbackenes Verständnis von Arbeit offenbart. Zwar werden immer auch gute Impulse angedeutet, doch so richtig scheint man sich nicht zu trauen, Arbeit unter den Vorzeichen des sich andeutenden Wandels einmal grundsätzlich in den Blick zu nehmen. So verbleibt die Enzyklika im Spannungsverhältnis von Arbeit zum Broterwerb auf der einen Seite und zur Ausbildung von Fähigkeiten, die zur reifen sozialen Teilhabe wird, auf der anderen. Die Grundfrage, die im Raum steht, was denn geschieht, wenn ein großer Teil der Bevölkerung schlichtweg nicht zur Produktion benötigt wird, schimmert immer wieder durch, wird aber nicht konsequent angesprochen. Dabei wäre es gerade hier wichtig, Modelle sinnvoller Beschäftigung zu entwickeln, die der Natur des Menschen entsprechen, ohne wirtschaftlich notwendig zu sein.
Stattdessen werden Beispiele konstruiert, die zumindest ich mir aus meiner Erfahrungswelt im Zusammenhang mit KI-Tätigkeiten nicht erschließen kann: „Deshalb können die, im Gegensatz zu den beworbenen Vorteilen der KI, derzeitigen technologischen Ansätze paradoxerweise dazu führen, dass Arbeitnehmer dequalifiziert, einer automatisierten Überwachung unterworfen und auf starre und sich wiederholende Aufgaben festgelegt werden“ (Abschnitt 150). Welche Tätigkeiten das sein sollen, die starr und monoton sind aber weder von einer KI noch einem Roboter erledigt werden können, hätte ich dann doch gern gewusst – oder auch: „Gerade um diesen Abweg zu vermeiden, ist es nötig, Systeme zu entwickeln, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen und nicht nur auf Leistung oder Produktivität ausgerichtet sind.“ Wie so etwas aussehen soll und warum der Mensch eine Maschine braucht, die ihn in den Mittelpunkt stellt, auch das bleibt offen.
In Abschnitt 151 wird dann vom Übel der Arbeitslosigkeit gesprochen und ich frage mich, ob es denn ein Übel sein muss, wenn man hier einen Schritt weiter geht und nicht in den traditionellen Definitionen verharrt. Worin besteht denn das Übel:
Geht es um fehlendes Geld?
Geht es um das Auskommen?
Um Beschäftigung?
Alles kann man einzeln lösen, auch im Kontext aktueller Technologie. Hier hätte ich deutlich mehr Impulse erwartet.
Stattdessen bietet Abschnitt 153 einen eher unambitionierten Lösungsansatz: „Es bedarf anpassungsfähiger Instrumente: vielschichtiger Modelle, lokaler Experimente, weitergehender Umverteilung und neuer Zugangsrechte zu lebensnotwendigen Gütern. Ohne eine abstrakte Harmonie anzustreben, geht es darum, konkrete Formen des menschlichen Zusammenlebens im Rahmen dieses Wandels zu schaffen.“ Und auch hier fragt man sich: Welche denn?
Abschnitt 154 erwähnt die Beschäftigung. Leider aber nicht im Sinne des Suchens einer sinnvollen Tätigkeit, sondern vor ökonomischem Hintergrund. Hier wäre eine Entkopplung von Ökonomie und sinnstiftenden Diensten vielleicht eine Lösung, wie richtig angedeutet, aber nicht ausgeführt wird.
Auch wenn Papst Leo XIV richtigerweise bemerkt, dass Gewerkschaften und Vereine zur Lösung heutiger Probleme nicht ausreichen (Abschnitt 155), fehlen konkrete Vorschläge, was denn erforderlich wäre. Der Aufruf, Umschulungen vor Einführung neuer Technologien durchzuführen, (Abschnitt 156) ist bei dem Tempo der Entwicklungen, dem sich der Papst an anderer Stelle auch bewusst ist, völlig unpraktikabel. Mir scheint, als würde die Enzyklika an solchen Stellen gern die Staaten in die Pflicht nehmen, traut sich aber nicht. Leider fehlt zudem der Mut, auf Abhängigkeit und mögliche Unterdrückung der Bürger durch staatliche Sozialleistungen hinzuweisen.
Kommen wir nun noch zum Punkt der Freiheit. Hier hat die Enzyklika einiges zu sagen: Im Abschnitt 170 spricht sie von der Aufmerksamkeitsökonomie, der Erziehung zum Enthalt, was sicher eine Schlüsselqualifikation zukünftiger Generationen sein wird. Auch wird in 171 auf Trackingmöglichkeiten und Kontrolle hingewiesen, was allzu leicht zu konkretem Freiheitsentzug führen kann. Die Anprangerung der posthumanistischen Effizienz-Mentalität digitaler Dienste ist oben schon angeklungen und darf hier natürlich auch nicht fehlen, ebenso wie der Hinweis auf unmenschliche Bedingungen bei der Ressourcengewinnung.
Interessant ist auch der Aspekt des Menschenhandels, der als moderne Sklaverei vor Augen geführt wird. Dabei geht es nicht nur um konkrete Ausbeutung durch Social-Media-Kontakte, sondern auch um die Erkenntnis, dass Daten aller Art, zum Beispiel über Krankheiten, Datenbanken zur Genetik den Menschen zur Verfügungsmasse für Macht- und Wirtschaftsinteressen werden lassen; eine nicht zu unterschätzende Erkenntnis!
Bei der Lösung wird es dann aber wieder dünn, was eine durchziehende Schwäche der Argumentation ist: Abschnitt 179 führt die Kontrolle von Lieferketten, ethische Überprüfungen und staatliche Zusammenarbeit vor. Ob das ausreicht, darüber kann man geteilter Meinung sein.
Kommen wir zum letzten Punkt, dem Krieg, dem eine Zivilisation der Liebe (Abschnitt 186) entgegengesetzt werden soll: „Die Zivilisation der Liebe ist keine naive Utopie, sondern ein anspruchsvolles Projekt. Sie besteht darin, Nächstenliebe in Strukturen der Gerechtigkeit zu verwandeln“
Völlig zu Recht beklagt die Enzyklika in den Abschnitten um 190 herum, dass Krieg nicht mehr letztes Mittel, als Ultima Ratio gesehen wird. Stattdessen stellt der Text den Verlust des historischen Gedächtnisses fest, das Erstarken von Machtpolitik, auch medial und eine Reduktion komplexer Beziehungen auf das einfache Freund-Feind-Schema.
Abschnitt 193 bezeichnet die wachsende Rüstungsindustrie als Schlüsselfaktor der Wirtschaft und in 194 wird angemahnt, dass mittlerweile sogar der taktische Einsatz von Atomwaffen wieder im Gespräch ist. Auch wenn der Text dann in Abschnitt 197 den Bezug zu KI-gestützten Waffensystemen herstellt, ist es doch schade, dass hier nicht die selbe Ächtung gefordert wird, wie bei biologischen oder Atomwaffen. Immerhin heißt es: Es „müssen die Entwicklung und der Einsatz von KI auf dem Gebiet der Kriegsführung strengsten ethischen Auflagen hinsichtlich der Achtung der Menschenwürde und der Unantastbarkeit des Lebens unterliegen“.
Auch stellt Abschnitt 198 klar: „KI mindert nicht die dem bewaffneten Konflikt innewohnende Unmenschlichkeit; sie kann ihn lediglich schneller und unpersönlicher machen“. Was es bedeutet, wenn eine KI-Drohne einen Soldaten oder ein anderes Opfer ins Visier genommen hat, wird leider nicht erwähnt. Praktisch ist man in einem solchen Fall völlig chancenlos.
Immerhin wird in Abschnitt 199 deutlich gemacht, dass die „Entscheidung über den Einsatz tödlicher Gewalt nicht an undurchsichtige oder automatisierte Prozesse delegiert werden“ darf. Weiter heißt es dort: „Jede Technologie, die es einfacher macht, anzugreifen, ohne das Gesicht des anderen zu sehen, senkt die moralische Schwelle des Konflikts“.
Der in Abschnitt 200 erhobene Anspruch: „Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen, damit sich Verantwortlichkeiten und eventuelle Verschuldungen nicht ‚in der Maschine‘ verlieren“ klingt gut, wie das aber konkret umgesetzt werden soll, bleibt auch hier offen.
Klar widerspricht die Enzyklika der „kulturellen und anthropologischen Überzeugungen, als ob Krieg ein unvermeidlicher Bestandteil der menschlichen Natur wäre“ (Abschnitt 205). Sie zeigt auf, dass sich auf diese Weise eine Abwärtsspirale öffnet: „Wenn eine Kultur Konflikte normalisiert und rechtfertigt, eröffnet sich eine gefährliche Entwicklung: Was heute undenkbar erscheint, kann morgen aufgrund von Nutzen- oder Sicherheitskalkülen akzeptabel werden“ (Abschnitt 208).
Was nicht vergessen werden sollte, ist auch der Hinweis, dass moderne Kriegsführung nicht allein auf dem klassischen Schlachtfeld ausgetragen wird, sondern längst auch schon mit Angriffen auf die technische Infrastruktur im Netz mit Mitteln, die der modernen Technologie immanent sind, durch sog. Cyberangriffe. Hier kommt erschwerend hinzu, dass man den Gegner kaum erkennen kann: „Wenn unklar ist, wer angegriffen hat, steigt das Risiko von unverhältnismäßigen Reaktionen, Fehleinschätzungen und Eskalationsspiralen. Daher brauchen wir eine Diplomatie, die auch in diesem neuen Umfeld agieren kann, gemeinsame Regeln für den Einsatz“ (Abschnitt 225). Wie so etwas funktionieren kann, vor allem wenn solche Angriffe auf Staaten von allen möglichen Gruppen, theoretisch sogar von einzelnen Personen aus gestartet werden können, bleibt aber auch hier offen.
Und so kommen wir zu dem, was wir tun können.
Persönlich sehr gefreut hat mich an dieser Stelle, dass der Papst hier tatsächlich ein Tolkien-Zitat aus dem Herrn der Ringe anführt: „Ein katholischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, John Ronald Reuel Tolkien, hat unsere Verantwortung mittels der Worte einer seiner Figuren wie folgt beschrieben: »Doch unsere Sache ist es nicht, die Welt durch alle Zeiten zu steuern, sondern in den Jahren, auf die wir beschränkt sind, zu tun, was wir können, um das Übel auf den uns bekannten Feldern auszujäten, damit jene, die nach uns kommen, einen guten Boden vorfinden.«“. (Abschnitt 213, Gandalf im Herrn der Ringe zu Denethor)
Natürlich möchte die Enzyklika nicht beim negativen Befund stehen bleiben, sondern ist bemüht nützliche Handlungsanweisungen auch für den Einzelnen bereit zu stellen. Über die Praxistauglichkeit muss sich natürlich jeder selbst ein Bild machen, hier ein paar Ansätze:
In Abschnitt 214 findet sich der Aufruf, dass wir auf unsere Worte achten sollen und auch klar in der Öffentlichkeit unser Nein zum Krieg äußern sollten. In Abschnitt 217 heißt es: „Der Sichtweise und Stimme der Opfer bei der Information und Bildung Raum zu geben“, sei ein wichtiges christliches Anliegen und an die Politik gewandt: „Auf politischer Ebene ist es dringend erforderlich, von der „Kultur der Macht“ zu einer echten „Kultur der Verhandlung“ überzugehen, in der Dialog und diplomatische Beziehungen zur gewöhnlichen Art der Konfliktbewältigung werden“ (Abschnitt 221).
Immerhin weiß die Enzyklika um die Grenzen der Praxistauglichkeit, wenn sie in Abschnitt 226 sagt: „Der Heilige Stuhl unterstützt und begleitet dieses Engagement, erkennt jedoch an, dass die derzeitige Schwäche der UNO und des internationalen politischen Systems die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen offenbart“.
Und so möchte ich den Durchgang durch den Inhalt von Magnifica Humanitas mit dem für diese Enzyklika typischen Abschnitt 238 beenden: „Wir müssen uns dazu erziehen, die digitale Welt als einen neuen Kontinent zu betrachten, dem das Evangelium zu verkünden ist, was großherzige Missionare erfordert, die im Glauben gereift sind. Insbesondere benötigen wir Erwachsene, die ihre Berufung zum Handwerk der Erziehung wiederentdecken, und die bereit sind zur täglichen, geduldigen Arbeit, die von breiten und gemeinsamen Erziehungsbündnissen unterstützt wird“
Fazit
Ich bin ein wenig ambivalent gestimmt. Auf der einen Seite habe ich mich sehr auf die Enzyklika gefreut, bin ich doch damals sehr positiv von dem Lehrschreiben Antiqua et Nova von Papst Franziskus zur KI angetan gewesen und habe mir nun von Leo XIV, der das Thema moderne Technologie explizit zu seinem persönlichen Anliegen gemacht hat, noch einmal eine deutliche Steigerung an Relevanz und Tiefe gewünscht.
Ich will nicht sagen, ich sei enttäuscht. Es sind sehr gut Ansätze vorhanden, es werden wichtige Themen angesprochen und natürlich kann man auf dieser Basis noch deutlich weiter gehen. Dennoch hätte ich mir an einigen Stellen mehr Klarheit gewünscht: eine stärkere Verurteilung des Krieges, ein Konzept wie zukünftig menschliche Arbeit neu gedacht werden kann, mehr auch zu wirtschaftlichen Implikationen und vielleicht auch etwas handfestere Aussagen zur Bildungsproblematik.
Vielleicht bin ich zu fordernd, aber ich fürchte, der große Wurf ist hier noch nicht gelungen. Was aber nicht ist, kann ja sicher noch werden.


Bildquelle: Michael Gaida






