Erstveröffentlichung: www.garten-eden.org



Yoga und andere an Fernost angelehnte Meditationstechniken stehen nach wie vor auch bei uns hoch im Kurs. In vielen Firmen gibt es regelmäßige Veranstaltungen für Mitarbeiter und auch das Angebot an Freizeitkursen ist enorm. Die Menschen versprechen sich Entspannung, Erholung und allgemein ein besseres Wohlgefühl.

Kritische Stimmen, besonders aus christlicher Richtung, die hin und wieder zu vernehmen sind, werden dabei leicht abgetan. Man nimmt sie nicht ernst, stellt sie in Zusammenhang mit religiösen Fanatikern und fühlt sich als Agnostiker oder Atheist immun gegen jegliche weltanschauliche Beeinflussung. Die Meditationen werden als rein körperliche Übungen aufgefasst und wer etwas anderes sagt, kennt sich halt nicht aus oder ist eh immer gegen alles.

Ich möchte im Folgenden niemandem seine Lebensgewohnheiten und liebgewonnenen Praktiken schlechtreden, erhebe auch nicht den Anspruch, alle Implikationen bis ins Letzte auszuloten, ich möchte aber ein paar Anstöße zum Nachdenken geben, eher allgemein und leicht nachvollziehbar, um ein paar grundsätzliche Fragen einzuordnen.

Körperhaltung im christlichen Gebet

Wir kennen das von vielen Gelegenheiten. Der äußere Eindruck ist oft entscheidend. „Wie du kommst gegangen, so wirst du auch empfangen“, weiß der Volksmund, denn die grundsätzliche Haltung, die Kleidung, der Gang, der Gesichtsausdruck, eben alles, was das Erscheinungsbild ausmacht, ist immer auch ein Spiegel innerer Einstellungen. Man zeigt, worauf man Wert legt, ob man sich selbst oder auch den Gegenüber wertschätzt und natürlich wissen wir, dass Gesten oft Ausdruck einer komplexen Körpersprache sind, die von weiteren Befindlichkeiten nicht getrennt werden können.

Dies gilt natürlich insbesondere bei Meditationen oder hierzulande im Gebet, was ich in dieser Hinsicht einmal gleichbehandeln möchte. Wenn wir beten, ändern wir unsere Körperhaltung – wir nehmen eine sogenannte „Orantenhaltung“ ein. Diese sollte im Ausdruck bestenfalls das Gebetsanliegen unterstreichen: Wenn wir die Hände falten, dann macht es durchaus einen Unterschied, ob wir die Finger ineinander verschränken, quasi einen Schutz errichten, oder ob wir die flachen Handflächen aneinanderlegen, sie vor der Brust mit leichtem Druck nach oben richten, was eher der Sammlung und (aufwärtsgerichteten) Konzentration entspricht.

Natürlich ist es auch in der Liturgie von großer Bedeutung, ob wir uns entspannt hinsetzen, einem Text lauschen, zuhören oder ob wir stehend etwas bekennen bzw. kniend um etwas bitten. Wo wir auf diese Äußerlichkeiten nicht mehr achten, wo wir Symboliken nicht mehr berücksichtigen und sie vielleicht auch gar nicht mehr erkennen, da verlernen wir Sprache. Wir sind dann weniger gut in der Lage, uns auszudrücken und in anderer Richtung auch, uns ansprechen zu lassen.

Ansätze fernöstlicher Philosophie

Christliche Gebetsformen sind von der Vorstellung geprägt, Zwiesprache zu halten. Das Göttliche wird hier als Person angesprochen, es kann hören und reagieren. Die Sammlung vor Gott, die personale Ansprache und der Austausch sind wesentlich im christlichen Gebet und sie drücken sich darum auch der Form nach aus.

Sich mit Christus auf den Weg machen ist zudem eine Entwicklung. Eine Zusage, die über das konkrete Gebet hinaus wirkt und darauf abzielt, im Idealfall nach biblischer Vorgabe zum immerwährenden Gebet zu finden. Die Gebetshaltung bestimmt somit die gesamte Lebenshaltung und ist eng mit der persönlichen Reife des Gläubigen verbunden. Darum kann man Christ auch nicht ernsthaft alleine sein, es braucht Vorbilder, Hilfestellungen und vor allem die Erfahrung des lebendigen Gottes.

Ganz anders wird das göttliche Prinzip im Fernen Osten aufgefasst. Der Hinduismus kennt den Begriff des Brahman, eine unveränderliche Kraft im Dasein, aus der alles entsteht. Das Brahman ist nicht personal und der Bezug zur Welt wird meistens abwertend beschrieben, als Täuschung, als eine Art begrenzter Leib des Absoluten oder als Schöpfung, die natürlich immer weniger ist, als der Schöpfer. Interessant, wenn man von dieser Vorstellungswelt ausgeht, ist der Bezug zum buddhistischen Nirwana.

Spricht der Hinduismus noch häufig von positiven Aspekten, von Hingabe und Vielfalt, auch wenn sich ein Abstieg vom Brahman zur Welt kaum leugnen lässt, so zeichnet der Buddhismus ein deutlich negativeres Bild. Das Dasein wird als Leid aufgefasst, das „Anatta“, also das Selbst, wird als Quelle des Leidens gesehen und Ziel ist die Auflösung. Als Bild wird häufig eine Flamme genannt, die von drei Giften genährt wird: Gier bzw. Begierde, Hass und Abneigung sowie Unwissenheit oder Verblendung. Erst wenn dieser Brennstoff zu Neige geht, erlischt die Flamme und das Leiden hört auf.

Beiden Ansätzen gleich, ist das Ziel. Der Kreislauf von Tod und Geburt gilt überwunden zu werden, immer wieder, wenn man aufs Neue geboren wird, hat man sein Ziel vorher nicht erreicht. Ob man im Hinduismus noch nicht zu sich selbst zurückgefunden hat, oder ob im Buddhismus das Leiden erneut beginnt, es ist letztlich ein Scheitern, bis man entweder im großen Ganzen aufgegangen ist, oder man eben gar nicht mehr ist.

Himmel und Hölle

Wenn wir das westliche und fernöstliche Weltverständnis miteinander vergleichen, fallen zuerst zahlreiche Ähnlichkeiten auf. Auch im Westen kennen wir die Welt als „Jammertal“, dem „Lacrimarum vale“, wie es im Salve Regina heisst, wir kennen die Vorstellung vom verlorenen Paradies, davon, dass die Welt nicht (mehr) so ist, wie sie einst geschaffen wurde und dass sie der Erlösung bedarf. Wir haben auch eine Vorstellung vom göttlichen Absoluten, ebenso vom Gedanken der Schöpfung und vielem anderen, was nicht zuletzt darauf zurückgeführt werden kann, dass wir als Menschen natürlich ähnliche Erfahrungen in der Welt machen.

Vollkommen anders aber sind die Perspektiven. Das Leben ist im Christentum keine Strafe für misslungene vorangegangene Zyklen. Es ist einmalig und auf eine Erlösung nach dem Tod hin ausgerichtet. Auch geht es weder darum, zu einer physischen Einheit mit Gott zu finden, und schon gar nicht um ein völliges Auflösen, sondern im Gegenteil um Heilung, denn im Christentum ist die Welt als Liebe geschaffen und gewollt, so dass wir von einer Reparatur ausgehen, einer Beseitigung des Übels und einer heilen Neuschöpfung.

Etwas überspitzt könnte man das Nirwana mit der christlichen Hölle vergleichen. Die Hölle im Christentum ist der Ort der Gottesferne, der Lieblosigkeit, des völligen Getrenntseins von Gott. Eine größere Entfernung als die vollkommene Auflösung ist kaum vorstellbar, auch wenn das Bild natürlich nicht ganz greift, denn wo keine Person (mehr) ist, leidet auch niemand unter Lieblosigkeit.

Doch egal, ob man das Leben als eine Art Fegefeuer auffasst und das Ziel mit der Hölle vergleicht oder ob man mildere Worte findet, die Bezugspunkte der beiden Ansätze stehen sich diametral entgegen. Während sich Christen sammeln und in der Persönlichkeit reifen wollen, tendieren die Religionen aus Fernost zur Überwindung des Einzelnen, entweder hin zu etwas Größerem oder aber zur endgültigen Auslöschung.

Meditation und Gebet

Diese Unterschiede drücken sich natürlich auch in der Gebetshaltung aus, die aus christlicher Perspektive bereits ein wenig skizziert wurde. Nehmen wir die verschiedenen Meditationstechniken des Ostens in ihrer Ausdrucksform wahr, stellen wir schnell fest, dass es meist um ein inneres Leerwerden, ein Ausfließen oder Ausgießen geht. Das Ausatmen, das Achten auf körperliche Entspannung ist in seiner allgemeinen Form bereits auf den religiösen Rahmen bezogen, aus dem es stammt.

Natürlich ist es etwas anderes, ob ich mich vor Gott sammle, mich für mein Tun vor verantwortlich fühle, und (auch streitbar) mit meinem Schöpfer als eigenständige Person in Kontakt trete, oder ob ich, wenn ich es nicht geschafft habe, maximal erwarte, wiedergeboren zu werden, vielleicht auf einer niedrigeren Stufe, aber letztlich immer im selben Hamsterrad. Der Anspruch des Aufgehens im Nichts oder auch im Absoluten bleibt abstrakt und die Meditationspraxen, die einen darauf vorbereiten, prägen in die gegenteilige Richtung christlicher Gebete, die auf persönliche Antwort und Reife ausgelegt sind.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass es keinen Einfluss auf die Weltanschauung habe, wenn man regelmäßig körperliche Übungen verrichtet, deren Ziel der Abbau ist. Ebenso bleibt eine christliche Gebetspraxis nicht ohne spuren und auch hier verfestigen sich Inhalte und Perspektiven durch ein stetes Leben im Gebet.

Nur weil man den Einfluss seiner Handlungen auf sich selbst nicht in den Blick nimmt oder ihn gar leugnet, heißt das nicht, dass er nicht stattfindet.